Keramikwerkstatt Geiger

Keramikmeister Lothar Geiger

Die erste Etappe meiner kleinen Reise führt mich ins schwäbische Adelsried, wo Keramikmeister Lothar Geiger seine Werkstatt hat. Auf meinem Weg vom Auto zur Werkstatt fällt mir sofort die Rührmaschine vor der Eingangstür auf, die fleißig am Arbeiten ist. Das moderne Gebäude aus Holz und Keramik liegt am Ende einer Seitenstraße, hinterhalb sind grüne Wiesen und Bäume. Trotz der Geschäftigkeit der Maschine erhält man ein schönes Gefühl von Ruhe und Landleben. Beim Betreten der Werkstatt sticht mir sofort die große Glasfront ins Auge, die den ganzen Raum in helles Licht taucht. Auf den ersten Blick sieht man, dass hier emsig gearbeitet wird, überall im großen Raum stehen Tongefäße.

Nun kommt Lothar Geiger mit schnellem Schritt die Holztreppe hinunter, um mich in Empfang zu nehmen. Auf den ersten Blick fällt mir die Aura an Ruhe und Achtsamkeit auf, die er ausstrahlt, und dabei trotzdem umtriebig wirkt. Man merkt sogleich – er ist hier in seinem Element.

Keramiker-Auszubildender Björn

Auszubildender Björn

Nach einer herzlichen Begrüßung zeigt er mir seine Werkstatt und berichtet von seinem Werdegang. Im Gespräch kommen wir auch auf die Frage zu sprechen, wie zukunftsträchtig der Beruf des Töpfers in der heutigen Zeit noch ist. Herr Geiger erzählt mir, dass es pro Lehrjahr durchschnittlich zehn Auszubildende zum/zur Keramiker/in (so nennt sich der Beruf offiziell) in Bayern gibt, wobei die einzige Berufsschule in Landshut ist. All seine Azubis sind mindestens 20 Jahre alt und haben Abitur oder gar ein abgeschlossenes Studium. Derzeit beschäftigt er zwei Auszubildende, einen davon, Björn, kann ich während meines Besuchs auch kennen lernen.

Björn kommt ursprünglich aus Hamburg und hat sowohl Kommunikationsdesign studiert als auch als Tätowierer gearbeitet. Rein äußerlich stellt er einen extremen Kontrast zu seinem Meister dar. Als Tätowierer hat er gelernt, mit ruhiger Hand und genau zu arbeiten, was ihm bei der Bemalung der Keramik sehr zugutezukommen scheint.

Geselle Malte

Geselle Malte

Neben den zwei Azubis beschäftigt Herr Geiger auch einen Gesellen namens Malte, der selbst eine interessante Geschichte zu erzählen hat. Malte hatte nämlich die innovative Idee, Lautsprecherboxen aus Keramik herzustellen. Diese Idee trug er an den Chef von ABACUS electronics heran, der sogleich begeistert war und ihm eine Zusammenarbeit anbot. Letztes Jahr durfte Malte den Prototyp seines Lautsprechers auf der ABACUS-Hausmesse vorstellen und bekam durchweg positives Feedback. Aus diesem Grund meldete er ein eigenes Nebengewerbe an, um diese Lautsprecher zu produzieren.

Nun aber zum Meister selbst: Lothar Geiger ist in Landshut geboren. Als junger Mann noch recht verträumt ohne eine wirkliche Idee, welchen Beruf er einmal ergreifen will. Die Ausbildung zum Keramiker ist eher zufällig – oder im Nachhinein betrachtet vielleicht Schicksal. Erst nach der Ausbildung realisiert er, dass er in diesem Beruf seine Berufung gefunden hat. Die Ausbildung dauert von 1979 bis 1982. Anschließend sammelt er vier Jahre lang in verschiedenen Keramikbetrieben in ganz Deutschland Erfahrungen, unter anderem in einer Werkstatt für salzglasierte Keramik im großen Tonabbaugebiet Westerwald, in der Töpferei einer heilpädagogischen Einrichtung in Hessen sowie in Augsburg bei den Kunstsammlungen in der toskanischen Säulenhalle, wo er Nachbildungen herstellt und die Anfertigung römischer Keramik demonstriert.

Danach verschlägt es ihn erst einmal ans andere Ende der Welt – nach Japan. Zunächst bin ich verblüfft darüber. Wieso gerade Japan? Doch Herr Geiger erklärt mir, dass die Keramik für Japaner das ist, was Uhren für die Schweizer sind. Die Arbeit als Keramiker ist dort ein eigenes Lebensgefühl mit hohem Stellenwert in der Gesellschaft. Die Menschen aus Großstädten wie Tokio fahren zum Teil etliche hundert Kilometer hinaus aufs Land, um dort in einer Keramikwerkstatt zuzusehen, wie etwas mit den eigenen Händen erschaffen wird. Dies ist für sie ein Weg, dem hektischen Großstadtleben für eine Weile zu entkommen – ein unglaublich therapeutisches, erdendes Erlebnis also.

Während seines Japanaufenthalts studiert Herr Geiger die Landessprache und besucht verschiedenste Keramikorte in ganz Japan. Natürlich arbeitet er dort auch in einer Werkstatt und erlernt die umfangreichen, traditionell japanischen Keramiktechniken, die er auch heute noch verwendet. Das Meistern dieser Techniken erfordert einen ähnlich großen Aufwand, wie die japanische Sprache zu lernen, erklärt er mir. Doch die harte Arbeit zahlt sich aus: Für seine Werke bekommt er sogar einen prestigeträchtigen Preis der Präfektur Okayama für innovative Formen verliehen. Bis heute haben alle Stücke, die er herstellt, etwas Japanisches an sich, beziehungsweise sind mit japanischen Techniken gemacht.

Im Herbst 1989 kehrt Herr Geiger mit seiner Frau, die er in Japan kennengelernt hat, zurück nach Deutschland. Die Meisterprüfung als Keramiker besteht er als Landesbester. Nun möchte er sich selbstständig machen und einen eigenen Keramikbetrieb gründen. Seine erste Werkstatt eröffnet er 1990 in Rehling. In einem ehemaligen Schweinestall einer lieben Familie. Hier arbeitet er die nächsten 17 Jahre.

2007 zieht er schließlich mit seiner Frau nach Adelsried und eröffnet 2009 die Werkstatt, in der wir gerade stehen und uns unterhalten. Ich lasse den Blick über die diversen Tonwaren am Raum schweifen und frage ihn, welche Produkte er herstellt.

Keramikwerkstatt Lothar Geigeg´rIn seinem Sortiment befinden sich vor allem Gebrauchsgegenstände wie Brottöpfe mit Holzdeckel (so bleibt das Brot am längsten frisch), Namenstassen und anderes Geschirr. Selbstverständlich nimmt er auch Auftragsarbeiten an. Zum Beispiel, so erzählt er, arbeiten sie gerade an glasierten Hundenäpfen, die eine Tierarztpraxis in Auftrag gegeben hat. Während wir uns unterhalten, kommt auch wie aufs Stichwort ein junges Ehepaar (natürlich ganz korrekt mit Mund-Nasen-Schutz) in die Werkstatt, um eine individuelle Bestellung aufzugeben.

Pro Monat verbraucht die Werkstatt gut 1 Tonne Ton, im Jahr also rund 12 Tonnen. Für das traditionelle Augsburger Bürgerfest hat er schon 30.000 historisch getreue Geschirrstücke geliefert, die alle von Hand auf der Töpferscheibe gedreht werden. Diese traditionelle Herstellungsart trägt maßgeblich dazu bei, dem Flair des Marktes gerecht zu werden und für Authentizität zu sorgen. Seine Krüge sind vom Eichamt geprüft und dürfen somit für den offiziellen Ausschank verwendet werden. Das Geschirr wird gegen Pfand an die Gäste ausgegeben und größtenteils als Andenken an das Fest mit nach Hause genommen. Natürlich sind all seine Produkte lebensmittelecht und klimaneutral.

Ausstellung Keramikwerkstatt Geiger

Ausstellung Keramikwerkstatt Lothar Geiger

Die Waren werden via Onlinehandel innerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz geliefert, sporadisch aber auch in die restliche EU oder in die Türkei. Daneben ist die Werkstatt auch auf bis zu zwanzig Märkten jährlich vertreten.

Dazu erzählt mir Herr Geiger eine kleine Anekdote. Vor einigen Jahren hatte er einmal seine Waren an einem Stand in Vaterstetten ausgestellt, als auf einmal eine Gruppe von rund fünfzehn Personen zu ihm kam und sein Sortiment genau in Augenschein nahm. Sie stellten gemeinsam eine große Auswahl an Dosen zusammen und dann waren plötzlich nur noch zwei Leute da, die sich um die Bezahlung und den Abtransport aller Sachen kümmern sollten. Wie sich herausstellte, war es eine thailändische Prinzessin mit ihrem Gefolge, die den Markt an diesem Tag besuchte und eine Kollektion an blau-grün glasierten Dosen kaufte. Der Organisator der Veranstaltung hatte zwar von dem Besuch der Prinzessin gewusst, sich aber nicht getraut, es den Ausstellern zu sagen, falls es doch ein Scherz gewesen sein sollte.

Römisches Töpferrad

Vorführung des Römisches Töpferrads bei der Werkstatteröffnung 2009

Nicht nur in seiner Werkstatt oder auf Märkten wird Herr Geiger tätig: Viele Museen oder archäologische Institute sind sehr an seiner Arbeit interessiert. Häufig wird er eingeladen, um den Besuchern zu zeigen, wie die alten Römer ihre Keramikgegenstände hergestellt haben. Hierzu verwendet er ein original römisches Töpferrad, das Ähnlichkeit mit einem am Boden liegenden Wagenrad besitzt. Auf dem Rad ist ein großer Zylinder angebracht, auf dem der Ton dann rotiert. Der Töpfer sitzt dabei auf einer Eckbank. Herr Geiger lässt die Museumsbesucher (und auch mich) dann raten, wie das Rad angetrieben wird – was ihm sichtlich großes Vergnügen bereitet. Mit den Händen? Nein, mit denen muss er ja schließlich den Ton formen. Mit den Füßen? Nein, damit kann man die benötigte Geschwindigkeit nicht erzielen. Die Antwort ist: Die römischen Töpfer hatten einen langen Stock, mit dem sie das Rad zum Drehen brachten, bevor sie den Ton bearbeiteten.

Zum Schluss befrage ich Herrn Geiger noch zu seiner Meinung zum Töpfermarkt in Friedberg, den er fast schon von Anfang an besucht. Sehr stolz berichtet er, dass sich die Qualität der Aussteller von Jahr zu Jahr verbessert hat.

Nach dem Interview trinken wir noch gemeinsam einen Kaffee – natürlich aus einer hauseigenen Keramiktasse – bevor ich mich wieder auf den Weg nach Hause mache, den Kopf voller interessanter Eindrücke und einem ganz neuen Verständnis für Keramik. Was ich wohl bei den anderen Keramikmeistern erfahren werde?


Zum Marktstand von der Keramikwerkstatt Geiger

Über den Verfasser:

MICHAEL RUTTMANN

Mit über 10 Jahren Erfahrung in Marketing und Werbung biete ich die Leistungen einer Fullservice-Werbeagentur an.

MR Marketing & Coaching UG (haftungsbeschränkt)
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